Über die Veranstaltungsreihe

Versailles, Trianon, Brest-Litowsk. Das lange Ende des Ersten Weltkrieges und das östliche Europa

#daslangeendevon1918

Infolge des Ersten Weltkrieges, der Russischen Revolution und der innenpolitischen Entwicklungen in den Großreichen Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn trat der Prozess der Nationalstaatsbildung im östlichen Europa 1918 in seine entscheidende Phase. Die territorialen, politischen und völkerrechtlichen Regelungen des Friedensvertrages von Brest-Litowsk (vom 3. März 1918) sowie der Pariser Vorortverträge – von Versailles mit Deutschland (vom 28. Juni 1919), von Saint-Germain mit Österreich (vom 10. September 1919) und von Trianon mit Ungarn (vom 4. Juni 1920) – setzten entscheidende Wegmarken bei der Bildung souveräner Nationalstaaten in Polen, Finnland, den baltischen Ländern, der Ukraine, der Tschechoslowakei und auf dem Balkan. Die neuen Nationalstaaten blieben Nationalitätenstaaten. Sie waren einer imperialen Politik nicht abgeneigt, stellten Territorialforderungen, die weit über das Bestreben hinausgingen, die neuen nationalstaatlichen Grenzen in Übereinstimmung mit den ethnischen beziehungsweise sprachlich-kulturellen Grenzen ihrer namensgebenden Nation zu bringen. Die ost- und südosteuropäischen Gesellschaften erlebten eine Welle der Nationalisierung, die über die Intellektuellenmilieus und die Großstädte hinaus auf weite Bevölkerungsschichten übergriff.

Von der neuen politischen Grenzziehung und den nationalstaatlichen Entwicklungen waren auch 8,3 Millionen Deutsche betroffen, die nach 1918/1920 ihren Status als Angehörige einer Mehrheitsnation verloren und nun als „nationale Minderheiten“ in dreizehn europäischen Ländern der Region lebten. Das Spannungsverhältnis zwischen den Nationalstaatsbildungen und der ethnisch-kulturellen und politischen Selbstbestimmung der Minderheiten, zwischen ethnischen Homogenisierungsversuchen der Titularnationen und Minderheiten, die auf ihrer eigenen ethnischen Identität beharrten, prägte die innenpolitischen Entwicklungen der ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Staaten in der Zwischenkriegszeit. „Nationalismus“ und „Revisionismus“ setzten sie unter Dauerdruck. Das System von Minderheitenschutzverträgen zeigte als völkerrechtlicher Rechtsschutzmechanismus nicht die erwartete Wirkung.

Die Pariser Vorortverträge bewegten über die 1920er Jahre hinweg die öffentlichen Gemüter im Deutschen Reich, im neu gegründeten Staat Österreich und in Ungarn. Man sah darin eine Gefahr für den Fortbestand der eigenen Rumpfstaaten und Nationen und zog die Zweck- und Rechtmäßigkeit der neuen Grenzziehungen in Schlesien, in Böhmen und Mähren und anderorts in Zweifel. Unter der deutschen Bevölkerung dieser Gebiete war die ablehnende Haltung gegenüber den Pariser Vorortverträgen ebenfalls nicht zu übersehen. Diese Stimmungen wurden zum Nährboden der politischen Revisionismen der 1920er und 1930er Jahre.

Die Programmreihe „Versailles, Trianon, Brest-Litowsk: Das lange Ende des Ersten Weltkrieges und das östliche Europa“, die das Haus des Deutschen Ostens in Kooperation mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der LMU München 2019–2020 veranstaltet, nimmt diese komplexen und vielseitigen Probleme der Zwischenkriegszeit in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien in den Blick. Prominente Historiker aus dem In- und Ausland setzen sich in Einzelvorträgen und Podiumsdiskussionen mit der Bedeutung der Friedensverträge des Ersten Weltkrieges für die Neuordnung im östlichen Europa, mit dem völkerrechtlichen System des Minderheitenschutzes sowie mit der politisch folgenreichen Rezeption der Pariser Vorortsbeschlüsse im Deutschen Reich und in anderen ehemaligen Großreichen auseinander.

Die Veranstaltungen finden, wenn nicht anders angegeben, statt im

Haus des Deutschen Ostens (HDO)
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